Wer wenig kann, hält sich für besonders fähig: So wird der Dunning-Kruger-Effekt meist zusammengefasst. In Onlinedebatten genügt bisweilen schon ein selbstbewusster Kommentar, damit jemandem das Etikett angeheftet wird. Eine neue Analyse stellt dieses verbreitete Verständnis infrage. Nach ihr könnte die Selbstüberschätzung sogar mit zunehmender Kompetenz wachsen.
Daraus folgt nicht, dass Anfänger besonders bescheiden und Fachleute grundsätzlich überheblich sind. Die Studie macht vielmehr auf ein statistisches Problem aufmerksam: Das Ergebnis hängt davon ab, wie Kompetenz gemessen und mit der Selbsteinschätzung verglichen wird.
Die Arbeit von Chris Dawson von der University of Bath und David de Meza von der London School of Economics erschien im Juli 2026 in der Fachzeitschrift Psychological Review. Unter dem Titel „Talking the Talk, Not Walking the Walk“ entwickeln die Forscher ein Modell, das Selbstüberschätzung und Verlustaversion miteinander verbindet. Für die empirische Prüfung greifen sie auf umfangreiche Daten zurück, die ursprünglich zur Replikation des Dunning-Kruger-Effekts erhoben wurden.
Was Dunning und Kruger ursprünglich zeigten
Justin Kruger und David Dunning veröffentlichten ihre bekannte Untersuchung 1999. Die Versuchspersonen bearbeiteten Aufgaben zu Grammatik, logischem Denken und Humor. Anschließend sollten sie einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den übrigen Teilnehmern abgeschnitten hatten.
Besonders groß war die Abweichung bei den schwächsten Personen. Teilnehmer aus dem untersten Leistungsviertel erreichten in einer Auswertung durchschnittlich nur das zwölfte Perzentil, stuften sich selbst aber ungefähr im 62. Perzentil ein.
Die heute geläufige Kurzfassung – inkompetente Menschen hielten sich für die Besten – geht dennoch über den damaligen Befund hinaus. Auch in den klassischen Experimenten schätzten sich leistungsschwache Personen meist schlechter ein als leistungsstarke. Ihre Einschätzung wich nur erheblich stärker vom gemessenen Ergebnis ab.
Dunning und Kruger führten dies auf ein metakognitives Defizit zurück. Wer die Regeln eines Fachgebietes nicht beherrsche, mache nicht nur häufiger Fehler, sondern könne diese auch schlechter erkennen. Die fehlende Kompetenz wirke damit gleich doppelt.
An dieser Erklärung gibt es seit Jahren Zweifel. Auch gewöhnliche Messfehler, allgemeiner Optimismus, begrenzte Bewertungsskalen und die sogenannte Regression zur Mitte können ein ähnliches Bild erzeugen.
Gleiche Daten, andere Berechnung
Dawson und de Meza verwendeten Daten einer großen Replikationsstudie von Rachel Jansen, Anna Rafferty und Thomas Griffiths. In zwei Onlineuntersuchungen bearbeiteten jeweils rund 4.000 Personen einen Grammatik- oder Logiktest mit 20 Multiple-Choice-Fragen. Danach schätzten sie, wie viele Aufgaben sie richtig gelöst hatten.
Im Grammatiktest erreichten die Teilnehmer im Durchschnitt 10,17 Punkte, erwarteten aber 12,49. Beim Logiktest standen tatsächlich 9,45 richtigen Antworten durchschnittlich 10,86 erwartete Antworten gegenüber. Insgesamt überschätzten die Teilnehmer ihre Leistung also in beiden Tests.
Die ursprüngliche Auswertung von 2021 stützte trotzdem Teile der klassischen Dunning-Kruger-Erklärung. Sie lieferte Hinweise darauf, dass schwächere Teilnehmer schlechter beurteilen konnten, ob ihre jeweilige Antwort richtig oder falsch war.
Die neue Arbeit beruht nicht auf einem weiteren Experiment. Dawson und de Meza untersuchen dieselben Daten unter einer anderen statistischen Fragestellung. Üblicherweise wird betrachtet, wie sich die Selbsteinschätzung in Abhängigkeit von der gemessenen Testleistung verändert. Die beiden Forscher prüfen dagegen zunächst, wie gut die geäußerte Erwartung die tatsächliche Leistung vorhersagt. Außerdem nutzen sie eine symmetrische Regression, bei der Messfehler auf beiden Seiten berücksichtigt werden.
So entsteht ein anderes Bild als in der bekannten Grafik mit vier Leistungsgruppen. Personen mit einer höheren Selbsteinschätzung erzielten zwar tatsächlich bessere Ergebnisse. Ihre Erwartungen stiegen jedoch schneller als die statistisch geschätzte zugrunde liegende Fähigkeit. Auch nach verschiedenen Korrekturen für Messfehler blieb dieser Zusammenhang bestehen. Die Steigungen der symmetrischen Analyse lagen bei 1,15 im Grammatik- und bei 1,13 im Logiktest.
Dawson und de Meza schließen daraus, dass die Selbstüberschätzung mit steigender Fähigkeit eher zu- als abnehmen könnte.
Wie Messfehler das Ergebnis verzerren
Ein Testergebnis bildet die dauerhafte Kompetenz eines Menschen nie vollständig ab. Es wird auch von der Auswahl und Formulierung der Fragen, der Tagesform, der Konzentration und zufälligen Treffern beeinflusst. Wer besonders schlecht abschneidet, kann wenig verstanden haben – oder bei diesem Test ungewöhnlich viel Pech gehabt haben.
Werden die Teilnehmer anschließend allein nach ihrer Punktzahl sortiert, landen im untersten Viertel auch Personen, deren Ergebnis zufällig schlechter ausgefallen ist, als es ihrem üblichen Leistungsniveau entspricht. Ihre Selbsteinschätzung orientiert sich möglicherweise eher an diesem gewohnten Niveau. Im Vergleich mit dem ungewöhnlich schlechten Testergebnis wirkt sie dann übermäßig hoch.
Am oberen Ende geschieht das Gegenteil. Dort finden sich auch Menschen, die zufällig besonders gut abgeschnitten haben. Eine an sich vernünftige Einschätzung erscheint gegenüber diesem Spitzenwert plötzlich zu vorsichtig.
Bei einem zweiten Test würden viele dieser Extremwerte wieder näher am Durchschnitt liegen. Statistiker sprechen von einer Regression zur Mitte. Frühere Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass sich zumindest ein Teil des klassischen Dunning-Kruger-Musters auf diese Weise erklären lässt.
Damit verschiebt sich die entscheidende Frage. Dass leistungsschwache Teilnehmer ihre Punktzahl häufig überschätzen, ist unstrittig. Daraus folgt aber noch nicht, dass gerade ihre geringe Kompetenz die Ursache dieser Fehleinschätzung ist. Diesen Schluss halten Dawson und de Meza aufgrund ihrer Berechnungen für unzureichend belegt.
Selbstüberschätzung als Signal
Die Auswertung ist Teil einer umfassenderen Theorie. Nach ihr könnte Selbstüberschätzung als Signal für Fähigkeiten dienen, die andere Menschen nicht unmittelbar überprüfen können. Wer überzeugend auftritt und sich viel zutraut, erhält womöglich eher Verantwortung, Einfluss oder eine begehrte Position.
Für besonders fähige Menschen wäre ein solches Auftreten mit geringeren Risiken verbunden. Selbst wenn sie ihre Möglichkeiten etwas überschätzen, könnten sie viele schwierige Situationen weiterhin bewältigen. Bei einer tatsächlich wenig kompetenten Person hätten dieselben überzogenen Entscheidungen schneller negative Folgen. Dawson und de Meza vermuten daher, dass demonstrative Selbstsicherheit gerade bei fähigen Menschen als glaubwürdiges Signal entstanden sein könnte.
Als Gegenkraft betrachten sie die Verlustaversion. Ein Mensch kann hohe Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten äußern und trotzdem vor einer Entscheidung zurückschrecken, sobald ein erheblicher Verlust droht. Selbstüberschätzung beeinflusst demnach den Eindruck, den eine Person auf andere macht. Verlustaversion begrenzt zugleich die Bereitschaft, den eigenen Worten riskante Handlungen folgen zu lassen.
Diese evolutionäre Erklärung ist allerdings nicht direkt bewiesen. Die ausgewerteten Daten zeigen Zusammenhänge zwischen Fähigkeit, Selbsteinschätzung und Verlustaversion. Sie belegen nicht, dass sich diese Eigenschaften tatsächlich zur sozialen Signalwirkung entwickelt haben. Auch die Autoren räumen ein, dass sich solche evolutionären Modelle nur schwer experimentell prüfen lassen.
Was vom Dunning-Kruger-Effekt bleibt
Die neue Analyse widerlegt nicht, dass Menschen mit geringen Fähigkeiten Schwierigkeiten haben können, ihre eigenen Fehler zu erkennen. Die Replikationsstudie von 2021 fand Hinweise darauf, dass schwächere Teilnehmer weniger gut zwischen richtigen und falschen Antworten unterscheiden konnten. Unterschiede in der metakognitiven Fähigkeit sind daher weiterhin möglich.
Hinzu kommen die engen Grenzen der Datengrundlage. Untersucht wurden zwei kurze Multiple-Choice-Tests. Für möglichst genaue Selbsteinschätzungen gab es keine finanzielle Belohnung. Ob sich dieselben Zusammenhänge auch bei Chirurgen, Autofahrern, Führungskräften oder politischen Entscheidungsträgern zeigen würden, bleibt offen. Ein einzelnes Testergebnis ist zudem nur ein grober Maßstab für die dauerhafte Kompetenz eines Menschen.
Die Arbeit ersetzt deshalb keine gesicherte psychologische Gesetzmäßigkeit durch eine neue. Sie zeigt vielmehr, wie vorsichtig die bekannten Dunning-Kruger-Grafiken interpretiert werden müssen. Eine starke Überschätzung im unteren und eine leichte Unterschätzung im oberen Leistungsbereich kann in den Daten sichtbar sein, ohne dass mangelnde Kompetenz allein dafür verantwortlich ist.
Selbstbewusstes Auftreten ist damit weder ein zuverlässiges Zeichen für Inkompetenz noch ein Beweis für außergewöhnliche Fähigkeiten. Wer die Kompetenz eines Menschen beurteilen will, braucht mehrere Leistungen, sinnvolle Vergleichsmaßstäbe und möglichst unabhängige Rückmeldungen. Eine Selbsteinschätzung und ein einzelner Test genügen dafür nicht.
Wissenschaftliche Quellen
Dawson, C. & de Meza, D. (2026): Talking the Talk, Not Walking the Walk: The Coevolution of Overconfidence and Loss Aversion. Psychological Review. DOI: 10.1037/rev0000644.
Jansen, R. A., Rafferty, A. N. & Griffiths, T. L. (2021): A Rational Model of the Dunning–Kruger Effect Supports Insensitivity to Evidence in Low Performers. Nature Human Behaviour 5, 756–763. DOI: 10.1038/s41562-021-01057-0.
Kruger, J. & Dunning, D. (1999): Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments. Journal of Personality and Social Psychology 77, 1121–1134. DOI: 10.1037/0022-3514.77.6.1121.
Magnus, J. R. & Peresetsky, A. A. (2022): A Statistical Explanation of the Dunning–Kruger Effect. Frontiers in Psychology 13, 840180. DOI: 10.3389/fpsyg.2022.840180.




