Trauma ist zu einem Schlüsselbegriff unserer Zeit geworden. In sozialen Netzwerken werden Bindungsprobleme, Konfliktscheu, Perfektionismus, Impulsivität oder Schwierigkeiten in Beziehungen häufig auf Verletzungen aus der Kindheit zurückgeführt. Mitunter reicht schon ein emotional abwesender Elternteil oder ein schmerzhafter Satz, um rückblickend eine umfassende Erklärung für die eigene Persönlichkeit zu erhalten.
Dass belastende Erfahrungen Menschen langfristig prägen können, steht außer Frage. Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch erhöhen das Risiko für psychische Erkrankungen. Problematisch wird es jedoch, wenn aus dieser Erkenntnis eine einfache Formel entsteht: Was ein Mensch heute fühlt oder tut, müsse durch ein bestimmtes Erlebnis in seiner Vergangenheit verursacht worden sein.
Die Forschung zeichnet ein komplizierteres Bild. Sie zeigt, dass Erfahrungen wichtig sind – aber ebenso genetische Veranlagungen, familiäre Risikofaktoren und die individuelle Reaktion auf eine bestimmte Umwelt.
Wird Trauma epigenetisch vererbt?
Besonders weitreichend ist die Behauptung, traumatische Erfahrungen könnten über epigenetische Veränderungen an Kinder und Enkel weitergegeben werden. Dabei wird oft der Eindruck erweckt, Erlebnisse würden sich gleichsam biologisch in das Erbgut einschreiben.
Epigenetik bezeichnet jedoch keine Veränderung der DNA-Sequenz. Gemeint sind molekulare Vorgänge, die beeinflussen, wie stark bestimmte Gene in einer Zelle abgelesen werden. Dazu zählt beispielsweise die DNA-Methylierung. Solche Mechanismen sind für die Entwicklung und Funktion des Körpers unverzichtbar.
Der Humangenetiker Bernhard Horsthemke warnt allerdings davor, epigenetische Befunde vorschnell als Beleg für eine Vererbung erworbener Erfahrungen zu interpretieren. Nach seiner Analyse wird das Epigenom wesentlich durch die DNA-Sequenz und durch Prozesse der Genregulation geprägt. Genetische Unterschiede und die unterschiedliche Zusammensetzung untersuchter Zellproben könnten vermeintliche epigenetische Effekte hervorrufen. Zudem würden viele epigenetische Markierungen bei der Bildung von Keimzellen und während der frühen Embryonalentwicklung neu programmiert. Für eine transgenerationale epigenetische Vererbung von Umwelteinflüssen beim Menschen gebe es deshalb bislang nur wenige belastbare Belege.
Das bedeutet nicht, dass die Lebensweise oder Gesundheit der Eltern für ihre Kinder folgenlos wäre. Schwangerschaft, Ernährung, Schadstoffe, chronischer Stress und das Verhalten innerhalb einer Familie können die Entwicklung eines Kindes beeinflussen. Solche Einflüsse sind aber nicht automatisch mit einer stabilen epigenetischen Weitergabe über mehrere Generationen gleichzusetzen.
Die wissenschaftlich angemessene Aussage lautet daher nicht, dass eine solche Vererbung grundsätzlich unmöglich sei. Nach der gegenwärtigen Beweislage ist es jedoch nicht gerechtfertigt, psychische Probleme eines Menschen routinemäßig mit einem angeblich epigenetisch vererbten Trauma seiner Vorfahren zu erklären.
Wenn eine Verbindung noch keine Ursache beweist
Viele Studien finden Zusammenhänge zwischen schwierigen Lebensbedingungen in der Kindheit und späteren Unterschieden im Gehirn. Ein Beispiel ist eine 2015 veröffentlichte Untersuchung, bei der 52 junge Erwachsene im Alter von 23 bis 25 Jahren mittels funktioneller Magnetresonanztomografie untersucht wurden.
Personen, die in ihrer Kindheit in Armut gelebt hatten, zeigten beim Betrachten emotionaler Gesichter stärkere Reaktionen in der Amygdala und im medialen präfrontalen Cortex. Gleichzeitig war die funktionelle Verbindung zwischen diesen Bereichen schwächer. Dieser Zusammenhang bestand auch unter Berücksichtigung des Einkommens im Erwachsenenalter.
Ein solches Ergebnis ist bedeutsam. Es beweist jedoch nicht automatisch, dass Armut die beobachteten Hirnunterschiede verursacht hat. Die Untersuchung war prospektiv angelegt, umfasste aber nur eine kleine Gruppe. Außerdem können sich Familien mit unterschiedlichem sozioökonomischem Status in zahlreichen Merkmalen unterscheiden: Gesundheit, Persönlichkeit, psychische Belastungen, Bildungsniveau, Wohnumgebung und genetische Veranlagungen.
Auch die Autoren mahnen zur Vorsicht. Aus der gemessenen Aktivität bestimmter Hirnregionen könne nicht unmittelbar auf das tatsächliche emotionale Erleben oder auf das Verhalten im Alltag geschlossen werden. Die Übertragbarkeit der Laboraufgabe auf reale Situationen sei begrenzt.
Die Studie zeigt somit eine Verbindung, aber keine vollständig geklärte Wirkungskette. Das ist ein entscheidender Unterschied. Formulierungen wie „Armut verändert das Gehirn“ gehen weiter, als es eine solche Untersuchung allein erlaubt.
Wie stark ist die Hirnstruktur genetisch geprägt?
Dass genetische Unterschiede bei der Entwicklung des Gehirns eine erhebliche Rolle spielen, ist gut belegt. Eine Übersichtsarbeit zu bildgebenden Zwillingsstudien kam zu dem Ergebnis, dass viele untersuchte Merkmale der Hirnstruktur eine Erblichkeit von etwa 60 bis 80 Prozent aufweisen. Die Schätzungen unterscheiden sich allerdings nach Hirnregion, Lebensalter und Messmethode. Für funktionelle Hirnaktivität fielen sie mit ungefähr 40 Prozent niedriger aus.
Eine große Untersuchung mit Daten der UK Biobank betrachtete rund 100 regionale Hirnvolumen bei etwa 9.000 Personen. Häufige genetische Varianten erklärten im Median rund 34,8 Prozent der Unterschiede; für einzelne Regionen wurden Werte von bis zu 80 Prozent berechnet.
Eine weitere genomweite Analyse von 47.316 Menschen ermittelte für das gesamte Hirnvolumen eine auf häufigen genetischen Varianten beruhende Erblichkeit von rund 35 Prozent. Die Studie fand außerdem eine teilweise gemeinsame genetische Grundlage von Hirnvolumen und Intelligenz. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich aus der Größe des Gehirns zuverlässig auf die Intelligenz eines einzelnen Menschen schließen ließe. Die Autoren betonen selbst, dass Hirnvolumen nur einen kleinen Anteil der individuellen Intelligenzunterschiede statistisch erklärt.
Noch umfassender war eine Metaanalyse aus dem Jahr 2015. Sie vereinte Ergebnisse zu 17.804 menschlichen Merkmalen aus 2.748 Veröffentlichungen. Über alle untersuchten Merkmale hinweg lag die durchschnittliche Erblichkeit bei 49 Prozent. Bei 69 Prozent der Merkmale ließen sich die beobachteten Ähnlichkeiten von Zwillingen mit einem vergleichsweise einfachen Modell additiver genetischer Einflüsse vereinbaren.
Solche Zahlen müssen richtig verstanden werden. Eine Erblichkeit von 60 Prozent bedeutet nicht, dass 60 Prozent des Gehirns eines Menschen genetisch festgelegt wären. Erblichkeit beschreibt, welcher Anteil der Unterschiede zwischen Menschen innerhalb einer bestimmten untersuchten Bevölkerung statistisch mit genetischen Unterschieden zusammenhängt.
Auch ein hoch erbliches Merkmal kann durch die Umwelt beeinflusst werden. Körpergröße ist beispielsweise stark erblich, reagiert aber dennoch auf Ernährung und Krankheiten. Umgekehrt beweist ein Zusammenhang mit einem Umweltfaktor noch nicht, dass dieser Umweltfaktor allein die beobachteten Unterschiede verursacht.
Der entscheidende Test: unterschiedlich betroffene Zwillinge
Besonders aufschlussreich sind Studien mit eineiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge besitzen nahezu dieselbe DNA und teilen zahlreiche familiäre Bedingungen. Wenn einer von ihnen eine belastende Kindheitserfahrung gemacht hat und der andere nicht, lässt sich der Einfluss familiärer und genetischer Faktoren besser eingrenzen als in gewöhnlichen Beobachtungsstudien.
Eine 2024 in JAMA Psychiatry veröffentlichte Untersuchung analysierte Daten von 25.252 schwedischen Zwillingen. Berücksichtigt wurden unter anderem emotionale oder körperliche Vernachlässigung, körperlicher und sexueller Missbrauch, familiäre Gewalt und andere schwerwiegende Kindheitserfahrungen. Die psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter wurden anhand klinischer Registerdaten erfasst.
In der gesamten Gruppe stiegen die Chancen auf eine diagnostizierte psychische Erkrankung mit jeder zusätzlichen belastenden Kindheitserfahrung um den Faktor 1,52. Bei zweieiigen Zwillingen, die sich hinsichtlich ihrer Erfahrungen unterschieden, sank der Wert auf 1,29. Bei eineiigen Zwillingen lag er noch bei 1,20. Ein erheblicher Teil des ursprünglichen Zusammenhangs ließ sich demnach durch gemeinsame familiäre und genetische Faktoren erklären.
Verschwunden war der Zusammenhang dadurch aber nicht. Besonders deutlich blieb er bei sexuellem Missbrauch. Eineiige Zwillinge, die sexuellen Missbrauch erlebt hatten, wiesen gegenüber ihren nicht betroffenen Geschwistern 1,8-fach erhöhte Chancen auf eine später diagnostizierte psychische Erkrankung auf.
Auch die Häufung belastender Erlebnisse spielte eine Rolle. Eineiige Zwillinge mit drei oder mehr schwerwiegenden Kindheitserfahrungen hatten gegenüber Zwillingen ohne solche Erfahrungen etwa 2,11-fach erhöhte Chancen auf eine psychische Erkrankung.
Die Studie eignet sich deshalb weder für die Aussage, Kindheitserfahrungen erklärten nahezu alle späteren psychischen Probleme, noch für die gegenteilige Behauptung, sie hätten kaum eine Wirkung. Ihre Ergebnisse sprechen für beides: Belastende Erfahrungen besitzen eigenständige Folgen, zugleich werden die in gewöhnlichen Studien gemessenen Zusammenhänge durch familiäre und genetische Faktoren teilweise erheblich überschätzt.
Persönlichkeit beeinflusst auch die eigene Umwelt
Gene und Umwelt wirken zudem nicht unabhängig voneinander. Menschen unterscheiden sich darin, welche Situationen sie aufsuchen, wie sie auf andere wirken und wie sie Ereignisse wahrnehmen. Ein impulsives Kind kann andere Reaktionen seiner Umgebung hervorrufen als ein ruhiges Kind. Ein ängstlicher Mensch bewertet eine mehrdeutige Situation möglicherweise bedrohlicher als ein emotional stabilerer Mensch.
Das bedeutet nicht, dass Betroffene für Missbrauch, Gewalt oder Vernachlässigung verantwortlich wären. Es bedeutet lediglich, dass psychologische Entwicklung selten nach dem einfachen Muster „Ereignis hinein, Eigenschaft heraus“ funktioniert.
Auch Geschwister können dasselbe Familienereignis sehr unterschiedlich erleben. Eine Trennung der Eltern kann für ein Kind stark belastend sein, während ein anderes vergleichsweise gut damit zurechtkommt. Dafür können Alter, soziale Unterstützung, frühere Erfahrungen und veranlagte Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle spielen.
Rückblickende Erklärungen sind deshalb verführerisch, aber nicht immer beweiskräftig. Fast jedes heutige Verhalten lässt sich nachträglich mit einer passenden Kindheitsgeschichte verbinden. Wer als Kind häufig reisen musste und später ungern reist, könnte sagen, er habe davon genug. Wer später besonders gern reist, könnte mit denselben Erfahrungen argumentieren: Er sei damit aufgewachsen. Beide Erzählungen klingen plausibel. Ihre Plausibilität beweist jedoch noch keine Kausalität.
Trauma ist real – aber nicht die einzige Erklärung
Die Korrektur vereinfachter Trauma-Erzählungen darf nicht dazu führen, tatsächliche Traumatisierungen kleinzureden. Gewalt, Missbrauch und schwere Vernachlässigung können langfristige psychische Folgen haben. Die Zwillingsdaten zeigen gerade bei sexuellem Missbrauch und bei mehreren belastenden Erfahrungen weiterhin deutliche Zusammenhänge, nachdem gemeinsame familiäre und genetische Einflüsse berücksichtigt wurden.
Ebenso falsch wäre es jedoch, jede psychische Schwierigkeit als Folge eines verborgenen Traumas zu behandeln. Manche Menschen besitzen eine stärkere veranlagte Neigung zu Ängstlichkeit, Depression, Impulsivität oder emotionaler Instabilität. Diese Veranlagung kann beeinflussen, wie sie ihre Umwelt erleben und wie stark sie auf Belastungen reagieren.
Eine genetische Mitverursachung bedeutet dabei weder Unveränderlichkeit noch Aussichtslosigkeit. Erblichkeit ist kein persönliches Schicksalsurteil. Menschen können Verhaltensweisen einüben, Gewohnheiten verändern, Beziehungen anders gestalten und lernen, mit ihren Voraussetzungen konstruktiver umzugehen.
Ein realistisches Menschenbild hält deshalb zwei Gedanken gleichzeitig fest: Menschen können durch ihre Erfahrungen tief verletzt werden. Sie sind aber nicht ausschließlich das Produkt dieser Erfahrungen.
Die Forschung spricht weder für einen radikalen Umweltdeterminismus noch für einen genetischen Fatalismus. Sie beschreibt ein Zusammenspiel aus Veranlagung, Entwicklung, Familie, individuellen Erfahrungen und persönlicher Reaktion. Gerade diese kompliziertere Sicht schützt davor, wissenschaftliche Begriffe wie Trauma oder Epigenetik zu universellen Erklärungen für das gesamte menschliche Leben zu machen.
Quellen
Bernhard Horsthemke: A Critical Appraisal of Clinical Epigenetics. Clinical Epigenetics, 2022.
Pilyoung Kim et al.: Childhood Poverty Predicts Adult Amygdala and Frontal Activity and Connectivity in Response to Emotional Faces. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 2015.
Bingxin Zhao et al.: Heritability of Regional Brain Volumes in Large-Scale Neuroimaging and Genetic Studies. Cerebral Cortex, 2019. Für die Veröffentlichung erschien 2021 ein Erratum zu einer fehlerhaft bereitgestellten Datendatei.
Arija G. Jansen et al.: What Twin Studies Tell Us About the Heritability of Brain Development, Morphology, and Function: A Review. Neuropsychology Review, 2015.
Philip R. Jansen et al.: Genome-Wide Meta-Analysis of Brain Volume Identifies Genomic Loci and Genes Shared With Intelligence. Nature Communications, 2020.
Tinca J. C. Polderman et al.: Meta-Analysis of the Heritability of Human Traits Based on Fifty Years of Twin Studies. Nature Genetics, 2015.
Hilda Björk Daníelsdóttir et al.: Adverse Childhood Experiences and Adult Mental Health Outcomes. JAMA Psychiatry, 2024.




