Ein normaler BMI gilt oft als beruhigend. Für die männliche Fruchtbarkeit erzählt er aber möglicherweise nur die halbe Geschichte. In einer neuen Studie hing ein höherer Körperfettanteil selbst bei normalgewichtigen jungen Männern mit einer niedrigeren Spermienzahl zusammen.
Zwei Männer können gleich groß und gleich schwer sein und trotzdem einen völlig unterschiedlichen Körperbau haben. Der eine trägt mehr Muskelmasse, der andere mehr Fett. Im BMI sehen beide gleich aus.
Genau das könnte ein Problem sein, wenn es um die männliche Fruchtbarkeit geht. Eine neue dänische Studie im Fachjournal Human Reproduction kommt zu dem Ergebnis, dass der Körperfettanteil enger mit der Spermienzahl zusammenhing als der BMI. Besonders auffällig: Der Zusammenhang war bei Männern mit Normalgewicht sogar stärker.
Was die Forschenden untersucht haben
Die Studie beruht auf Daten von 1.058 jungen Dänen aus der FEPOS-Kohorte. Als sie untersucht wurden, waren die Teilnehmer rund 19 Jahre alt. Die Forschenden bestimmten ihren Körperfettanteil mithilfe einer bioelektrischen Impedanzmessung. Außerdem erfassten sie BMI und Taillenumfang, analysierten Samen- und Blutproben und ließen die Teilnehmer ihr Hodenvolumen selbst messen.
Bei der Auswertung wurden unter anderem Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Aktivität, Abstinenzdauer und der Zeitpunkt der Blutentnahme berücksichtigt.
Die Männer wurden nach ihrem Körperfettanteil in vier Gruppen eingeteilt: unter 8 Prozent, 8 bis 19 Prozent, 20 bis 24 Prozent und mindestens 25 Prozent. Als Vergleich dienten die Männer mit 8 bis 19 Prozent Körperfett.
23 Prozent weniger Spermien
Bei einem Körperfettanteil von 20 bis 24 Prozent lag die gesamte Spermienzahl im Mittel 23 Prozent niedriger als in der Vergleichsgruppe. In absoluten Zahlen entsprach das einem Rückgang von 105 auf 81 Millionen Spermien.
Männer mit mindestens 25 Prozent Körperfett kamen rechnerisch auf 89 statt 105 Millionen Spermien, also 15 Prozent weniger. Dieser Wert war allerdings mit großer statistischer Unsicherheit verbunden. Das Konfidenzintervall reichte von 35 Prozent weniger bis 13 Prozent mehr. Für diese Gruppe lässt sich deshalb kein eindeutiger Unterschied belegen.
Betrachteten die Forschenden den Körperfettanteil als fortlaufenden Wert, war eine Zunahme um 5,7 Prozentpunkte mit einer um 8 Prozent niedrigeren Gesamtspermienzahl verbunden. Bei Samenmenge und Spermienkonzentration zeigte sich dieselbe Richtung, die Ergebnisse blieben jedoch zu ungenau für eine klare Aussage. Für Beweglichkeit und Form der Spermien sowie das Hodenvolumen fand sich in der Gesamtgruppe kein konsistenter Zusammenhang.
Die Zahlen klingen dramatischer, als sie für den einzelnen Teilnehmer sein müssen. Im Durchschnitt lagen alle Gruppen über dem in der Studie verwendeten unteren WHO-Referenzwert von 39 Millionen Spermien. Eine niedrigere Spermienzahl bedeutet daher nicht automatisch Unfruchtbarkeit. Für Männer, deren Werte ohnehin nahe an einem klinischen Grenzwert liegen, könnte der Unterschied trotzdem relevant sein.
Der BMI übersah den auffälligsten Zusammenhang
Dann untersuchten die Forschenden ausschließlich Männer mit einem normalen BMI zwischen 18,5 und 24,9. Gerade in dieser Gruppe fiel der Zusammenhang stärker aus: Pro 5,7 Prozentpunkte mehr Körperfett lag die gesamte Spermienzahl 13 Prozent niedriger. Nach einer zusätzlichen statistischen Korrektur für den BMI waren es 14 Prozent.
Der Körperfettanteil erfasste hier also einen Unterschied, der auf der Waage und im BMI verborgen blieb. Das ist plausibel, denn der BMI setzt lediglich Körpergewicht und Größe ins Verhältnis. Er unterscheidet nicht zwischen Fett, Muskeln und Knochenmasse.
Auch über alle Teilnehmer hinweg war der Körperfettanteil enger mit Gesamtspermienzahl, Samenmenge und Spermienkonzentration verbunden als der BMI oder das Verhältnis von Taille zu Körpergröße. Für Untersuchungen zur männlichen Fortpflanzungsgesundheit könnte er deshalb das genauere Maß sein.
Auch die Hormone unterschieden sich
Mit steigendem Körperfettanteil waren die Werte für Gesamttestosteron und das Sexualhormon-bindende Globulin SHBG niedriger. Estradiol, das luteinisierende Hormon und der freie Androgenindex lagen dagegen höher.
Pro 5,7 Prozentpunkte mehr Körperfett war das Gesamttestosteron im statistischen Modell durchschnittlich 7 Prozent niedriger, während der Estradiolwert um 5 Prozent höher lag. Auch der freie Androgenindex stieg um 5 Prozent. Die Autoren führen das vor allem auf den niedrigeren SHBG-Wert zurück.
Fettgewebe ist kein passiver Energiespeicher, sondern hormonell aktiv. Es kann unter anderem die Umwandlung von Testosteron in Estradiol beeinflussen. Als weitere mögliche Erklärungen gelten oxidativer Stress, eine höhere Temperatur im Hodengewebe und epigenetische Veränderungen. Ob einer dieser Mechanismen die Ergebnisse tatsächlich erklärt, wurde in der Studie jedoch nicht geprüft.
Zusammenhang ist noch kein Beweis
Die Untersuchung kann nicht zeigen, dass mehr Körperfett die Spermienzahl tatsächlich senkt. Körperzusammensetzung, Samenqualität und Hormone wurden zum selben Zeitpunkt erfasst. Damit bleibt offen, was Ursache und was Folge ist. Auch Unterschiede bei Ernährung, Gesundheit oder Lebensstil könnten einen Teil des Ergebnisses erklären.
Ein weiterer Schwachpunkt ist die niedrige Teilnahmequote. Von 5.697 eingeladenen Männern nahmen nur 1.058 teil, also 19 Prozent. Die Forschenden versuchten, mögliche Verzerrungen statistisch auszugleichen. Vollständig ausschließen lassen sie sich nicht.
Hinzu kommen Messunsicherheiten. Eine bioelektrische Impedanzanalyse reagiert etwa auf den Flüssigkeitshaushalt und ist weniger genau als eine DXA-Messung. Auch Samenwerte schwanken von Tag zu Tag. Weil die Studie zahlreiche Merkmale und Hormone untersuchte, sind einzelne Zufallstreffer ebenfalls möglich. Die Autoren nahmen keine strenge Korrektur für multiple Tests vor.
Die Studie liefert deshalb weder einen persönlichen Risikogrenzwert noch den Beweis, dass Abnehmen die Spermienzahl verbessert. Dafür wären Studien nötig, die Männer über längere Zeit begleiten oder gezielt untersuchen, was nach einer Verringerung des Körperfettanteils geschieht.
Ihr wichtigster Hinweis ist ein anderer: Normalgewicht und eine günstige Körperzusammensetzung sind nicht dasselbe. Wer die männliche Fruchtbarkeit beurteilen will, sollte möglicherweise genauer hinsehen als bis zur Zahl auf der Waage.
Quelle
Nis Brix et al. (2026): Body fat percentage in relation to semen characteristics, testicular volume, and reproductive hormones: a cross-sectional study. Human Reproduction. DOI: 10.1093/humrep/deag104.


