Ein neues Argument zu Josephus, dem rätselhaften Wort paradoxa und der Frage, was antike Gegner Jesu wirklich bestritten haben
Die Wunder Jesu gehören zu den umstrittensten Themen der historischen Jesusforschung. Für gläubige Christen sind sie Zeichen seiner göttlichen Sendung. Für skeptische Historiker stellen sie ein methodisches Problem dar: Kann Geschichtswissenschaft überhaupt sagen, dass ein Wunder geschehen ist? Oder kann sie nur untersuchen, ob Menschen der Antike davon überzeugt waren, dass Jesus außergewöhnliche Taten vollbrachte?
Der amerikanische Neutestamentler T. C. Schmidt hat in seinem jüngsten Buch Josephus and Jesus eine These vorgelegt, die genau an diesem Punkt ansetzt. Sie ist vorsichtig formuliert, aber brisant: Ein kurzer Ausdruck beim jüdischen Historiker Flavius Josephus könnte zeigen, dass Jesus bereits im ersten Jahrhundert außerhalb christlicher Kreise als Wundertäter bekannt war.
Der entscheidende Begriff lautet: paradoxa.
Ein seltsames Wort im Lukasevangelium
Im fünften Kapitel des Lukasevangeliums wird erzählt, wie Jesus in einem überfüllten Haus lehrt. Ein gelähmter Mann wird durch das Dach hinabgelassen. Jesus vergibt ihm zunächst seine Sünden, was bei Schriftgelehrten und Pharisäern Empörung auslöst: Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?
Daraufhin heilt Jesus den Mann auch körperlich. Die Menge reagiert mit Staunen, Furcht und Gotteslob. Lukas fasst ihre Reaktion mit einem ungewöhnlichen Satz zusammen: „Heute haben wir paradoxa gesehen.“
Das Wort ist im Neuen Testament selten; tatsächlich kommt es dort nur an dieser Stelle vor. Moderne Bibelübersetzungen geben es unterschiedlich wieder: als „außergewöhnliche Dinge“, „bemerkenswerte Dinge“, „seltsame Dinge“ oder sinngemäß als „unfassbare Dinge“.
Gerade diese Mehrdeutigkeit ist wichtig. Paradoxa bedeutet nicht einfach „Wunder“ im frommen Sinn. Es kann etwas Erstaunliches, Unerwartetes, Unheimliches oder schwer Einzuordnendes meinen. Der Begriff beschreibt ein Ereignis, das die gewohnte Ordnung sprengt und die Beobachter ratlos zurücklässt.
Mit anderen Worten: Wer paradoxa sagt, muss noch nicht entschieden haben, ob das Geschehen göttlich, dämonisch, magisch oder schlicht unerklärlich ist.
Warum das für Josephus wichtig ist
Flavius Josephus war kein christlicher Autor. Er wurde im Jahr 37 n. Chr. geboren, stammte aus einer jüdischen Priesterfamilie, war in Jerusalem hervorragend vernetzt und schrieb später große Geschichtswerke über das Judentum, den jüdischen Krieg und die römische Zeit.
In seinen Jüdischen Altertümern findet sich eine berühmte und viel diskutierte Passage über Jesus, das sogenannte Testimonium Flavianum. Der Text ist problematisch, weil er in der überlieferten Form an einigen Stellen deutlich christlich klingt. Viele Forscher nehmen deshalb an, dass spätere christliche Abschreiber den ursprünglichen Josephus-Text bearbeitet haben.
Doch kaum jemand bestreitet, dass Josephus ursprünglich irgendetwas über Jesus geschrieben hat. Die entscheidende Frage lautet: Was genau?
Hier setzt Schmidt an. Josephus beschreibt Jesus in dieser Passage als jemanden, der paradoxa erga vollbrachte, also „paradoxe“, „außergewöhnliche“ oder „staunenerregende Werke“.
Frühere Übersetzungen gaben diese Formulierung häufig positiv wieder, etwa als „wunderbare Werke“. Das konnte den Eindruck erwecken, Josephus habe Jesus geradezu bewundernd beschrieben. Für viele Historiker war genau das verdächtig: Warum sollte ein jüdischer Historiker des ersten Jahrhunderts Jesus so offen positiv darstellen?
Schmidts Vorschlag lautet: Vielleicht ist die Formulierung gar nicht so christlich, wie sie auf den ersten Blick wirkt.
Paradoxa heißt nicht automatisch „göttliche Wunder“
Der zentrale Punkt ist sprachlich, aber folgenreich. Wenn Josephus Jesus mit dem Wort paradoxa beschreibt, muss das nicht bedeuten: „Josephus glaubte, Jesus habe göttliche Wunder getan.“
Es könnte viel vorsichtiger heißen: Josephus wusste, dass Jesus für außergewöhnliche, schwer erklärbare Taten bekannt war.
Der Ausdruck wäre dann nicht unbedingt ein christliches Bekenntnis, sondern eine ambivalente historische Notiz. Josephus hätte Jesus als eine Gestalt beschrieben, der man ungewöhnliche Machttaten zuschrieb, ohne selbst eindeutig zu sagen, aus welcher Quelle diese Macht stammte.
Schmidt weist darauf hin, dass Josephus ähnliche Sprache auch an anderer Stelle für problematische oder magische Phänomene verwenden kann. Besonders interessant ist der Vergleich mit den ägyptischen Magiern in der Mose-Erzählung. Auch dort verwendet Josephus einen verwandten Ausdruck, ohne die Taten der Magier als göttlich anzuerkennen.
Das ist entscheidend: Ein christlicher Abschreiber hätte Jesus vermutlich eher eindeutig positiv dargestellt. Eine ambivalente Formulierung wie paradoxa passt dagegen durchaus zu einem nichtchristlichen jüdischen Historiker.
Die eigentliche Pointe: Gegner bestritten die Wunder oft nicht
Schmidts These fügt sich in ein größeres Bild antiker Quellen ein. Auch spätere jüdische und heidnische Gegner Jesu neigten nicht immer dazu, seine außergewöhnlichen Taten schlicht zu leugnen. Häufig versuchten sie vielmehr, sie anders zu erklären.
Der Talmud spricht Jesus in polemischem Kontext magische Praktiken zu. Spätere jüdische Texte wie die Toledot Yeshu entwickeln feindselige Legenden, in denen Jesus über verbotene oder missbrauchte Kräfte verfügt. Der heidnische Kritiker Celsus behauptete im zweiten Jahrhundert, Jesus habe magische Künste in Ägypten gelernt.
Das ist historisch interessant. Denn solche Polemik funktioniert anders als moderne Skepsis. Sie sagt nicht: „Das ist alles nie passiert.“ Sie sagt eher: „Ja, etwas Außergewöhnliches wurde behauptet oder beobachtet, aber es war nicht göttlich.“
Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Muster: Die frühesten Debatten über Jesus drehten sich offenbar nicht nur um die Frage, ob er außergewöhnliche Taten vollbrachte, sondern auch darum, wie diese Taten zu deuten seien.
Genau an dieser Stelle gewinnt Josephus an Bedeutung.
Was kann Josephus wirklich bestätigen?
Man muss vorsichtig bleiben. Josephus liefert keinen modernen Beweis dafür, dass Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden. Historische Forschung kann nicht ohne Weiteres das metaphysische Urteil treffen: „Hier ist ein Wunder im theologischen Sinn geschehen.“
Aber Josephus kann etwas anderes bestätigen, und das ist bereits bedeutend: Jesus war offenbar schon im ersten Jahrhundert über christliche Kreise hinaus als jemand bekannt, dem außergewöhnliche Taten zugeschrieben wurden.
Wenn Schmidts Deutung zutrifft, dann ist Josephus kein frommer Zeuge der Wunder Jesu, aber ein unabhängiger Hinweis auf die frühe Bekanntheit Jesu als Wundertäter. Gerade weil Josephus kein Christ war, ist dieser Hinweis besonders spannend.
Die Stärke des Arguments liegt also nicht darin, dass Josephus ein Glaubensbekenntnis ablegt. Sie liegt darin, dass seine Sprache ambivalent genug ist, um glaubwürdig nichtchristlich zu sein, und zugleich konkret genug, um auf eine historische Erinnerung an Jesu außergewöhnliche Taten hinzuweisen.
Ein kleines Wort mit großer Sprengkraft
Das Faszinierende an Schmidts These ist, dass sie nicht auf einer spektakulären Neuentdeckung beruht. Kein neu ausgegrabener Papyrus, keine geheime Inschrift, kein verlorenes Evangelium. Es geht um ein einzelnes griechisches Wort, das möglicherweise falsch gewichtet wurde.
Paradoxa ist gerade deshalb so interessant, weil es zwischen Bewunderung, Irritation und Verdacht schillert. Es ist kein sauberer theologischer Begriff. Es ist ein Wort für das Unfassbare.
Und genau das passt erstaunlich gut zu den Evangelien selbst. Dort reagieren Menschen auf Jesus ebenfalls nicht nur mit Glauben, sondern auch mit Angst, Verwirrung, Ablehnung und dem Verdacht, seine Macht könne aus einer dunklen Quelle stammen.
Schmidts Argument macht Josephus dadurch historisch plausibler: Ein nichtchristlicher Jude des ersten Jahrhunderts hätte Jesus nicht unbedingt als göttlichen Messias beschrieben. Aber er hätte durchaus festhalten können, dass Jesus als Urheber rätselhafter, außergewöhnlicher Taten galt.
Warum diese These für die Jesusforschung wichtig ist
Die historische Jesusforschung steht oft vor einer Spannung. Einerseits sind Wunderberichte ein zentraler Bestandteil der Evangelien. Andererseits arbeitet moderne Geschichtswissenschaft methodisch zurückhaltend, wenn es um übernatürliche Erklärungen geht.
Schmidts Beitrag verschiebt die Frage. Er zwingt nicht dazu, sofort zwischen Glauben und Skepsis zu entscheiden. Stattdessen fragt er: Was lässt sich über die Wahrnehmung Jesu in der Antike sagen?
Die Antwort könnte lauten: Jesus wurde nicht erst später durch christliche Legendenbildung zum Wundertäter gemacht. Bereits sehr früh, möglicherweise schon im Umfeld der ersten Generation nach Jesus, war er als jemand bekannt, dessen Taten als außergewöhnlich, irritierend und erklärungsbedürftig galten.
Das ist keine vollständige „Bestätigung“ der Wunder im theologischen Sinn. Aber es ist eine bemerkenswerte historische Stütze für die These, dass die Wundertradition nicht einfach eine späte Erfindung war.
Zwischen Wissenschaft und Staunen
Am Ende ist Schmidts Argument so reizvoll, weil es beides verbindet: philologische Genauigkeit und historische Sprengkraft.
Ein einziges griechisches Wort öffnet ein Fenster in die antike Debatte über Jesus. Es zeigt, dass die Frage nach seinen Wundern nicht erst ein modernes Problem ist. Schon in der Antike standen Menschen vor der Herausforderung, seine Taten einzuordnen.
Waren sie göttlich? Magisch? Täuschung? Prophetisches Zeichen? Oder etwas, das die vorhandenen Kategorien sprengte?
Lukas nennt sie paradoxa. Josephus möglicherweise auch.
Und genau darin liegt die Spannung: Ausgerechnet ein nichtchristlicher jüdischer Historiker könnte unbeabsichtigt bezeugen, dass Jesus schon sehr früh als Urheber außergewöhnlicher Taten bekannt war. Nicht als spätere Legende, nicht bloß als innerkirchliche Ausschmückung, sondern als Teil der historischen Erinnerung an den Mann aus Nazareth.
Für gläubige Leser ist das kein Ersatz für den Glauben. Für skeptische Leser ist es kein Zwang zur Zustimmung. Aber für beide Seiten ist es ein Grund, genauer hinzuschauen.
Denn manchmal beginnt eine der spannendsten historischen Debatten nicht mit einem neuen Fund im Wüstensand, sondern mit einem einzigen alten Wort: paradoxa.




