Perfekte Körper, scheinbar mühelose Karrieren, Reisen, Outfits, Beziehungen, Routinen: Wer Instagram öffnet, begegnet nicht einfach „dem Leben anderer“, sondern meist einer verdichteten, ästhetisierten und algorithmisch sortierten Auswahl davon. Genau darin liegt ein psychologisch wirksamer Mechanismus: soziale Vergleiche. Sie sind nichts Neues. Neu ist aber ihre Geschwindigkeit, Sichtbarkeit und Allgegenwart in sozialen Netzwerken.
Der Psychologe Leon Festinger beschrieb bereits 1954, dass Menschen ein Bedürfnis haben, ihre Fähigkeiten und Meinungen einzuschätzen — und dies häufig tun, indem sie sich mit anderen vergleichen.1 Seine Theorie sozialer Vergleichsprozesse bildet bis heute eine wichtige Grundlage, um zu verstehen, warum Instagram nicht nur unterhält, sondern auch Selbstwahrnehmung, Stimmung und Körperbild beeinflussen kann.
Warum wir uns vergleichen
Soziale Vergleiche helfen uns, uns selbst einzuordnen. Sie können motivieren, Orientierung geben oder Zugehörigkeit herstellen. Besonders wirksam sind sogenannte Aufwärtsvergleiche: Man vergleicht sich mit Personen, die attraktiver, erfolgreicher, sportlicher, beliebter oder glücklicher erscheinen. Solche Vergleiche können inspirieren — etwa wenn das Ziel erreichbar wirkt. Sie können aber auch beschämen, verunsichern oder entmutigen, wenn die andere Person unerreichbar erscheint.
In sozialen Netzwerken werden solche Vergleiche systematisch wahrscheinlicher. Verduyn und Kolleg*innen schreiben in ihrem Überblicksartikel, soziale Vergleiche fänden durch Social-Networking-Sites in einer „unprecedented rate and scale“ statt — also in einem bislang unbekannten Ausmaß.2 Besonders passive Nutzung, also Scrollen, Anschauen und Beobachten, geht mit mehr sozialen Vergleichen einher.2
Instagram ist dafür besonders relevant, weil die Plattform stark visuell funktioniert. Körper, Gesichter, Reisen, Kleidung, Wohnungen, Essen, Fitness und Lifestyle werden nicht nur gezeigt, sondern meist kuratiert: ausgewählt, bearbeitet, inszeniert, gefiltert und mit Likes versehen. Wer sich damit vergleicht, vergleicht sich selten mit Alltag, sondern mit einer optimierten Oberfläche.
Was die Forschung zu Instagram und Körperbild zeigt
Ein besonders naheliegender Bereich ist das Körperbild. Die Forschung zeigt wiederholt Zusammenhänge zwischen Instagram-Nutzung, sozialem Vergleich und Körperunzufriedenheit. Pedalino und Camerini untersuchten 291 weibliche Jugendliche und junge Frauen. Ihr Ergebnis: Instagram-Browsing war mit geringerer Körperwertschätzung verbunden; dieser Zusammenhang wurde vollständig durch aufwärtsgerichtete Vergleiche mit Influencer*innen vermittelt — nicht durch Vergleiche mit nahen oder entfernten Peers.3 Die Studie formuliert zentral: „fully mediated by upward social comparison with social media influencers“.3
Das ist wichtig, weil Influencer*innen häufig als nahbar erscheinen: Sie sprechen direkt in die Kamera, zeigen Alltagsmomente, geben Tipps und bauen parasoziale Nähe auf. Gleichzeitig sind ihre Bilder oft professionell produziert, ökonomisch motiviert und ästhetisch optimiert. Dadurch entsteht eine paradoxe Vergleichssituation: Die Person wirkt „wie ich“, lebt aber unter Bedingungen, die für viele Nutzer*innen kaum erreichbar sind.
Auch experimentelle Forschung stützt diese Richtung. Kleemans et al. untersuchten, wie manipulierte Instagram-Fotos auf Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren wirken. In dem Experiment wurden 144 Mädchen entweder originalen oder bearbeiteten Selfies ausgesetzt. Die Ergebnisse zeigen: Manipulierte Instagram-Fotos führten direkt zu einem niedrigeren Körperbild, besonders bei Mädchen mit hoher sozialer Vergleichsneigung.4
Neuere Tagebuchforschung zeigt zudem, dass nicht „Instagram“ als Ganzes wirkt, sondern bestimmte Inhalte unterschiedlich erlebt werden. Glaser, Jansma und Scholten ließen 28 junge Menschen über fünf Tage 140 Instagram-Beiträge dokumentieren, die ihr Körperbild beeinflussten. Sie unterschieden vier Kategorien: Thin Ideal, Body Positivity, Fitness und Lifestyle.5 Besonders Thin-Ideal-Inhalte wurden häufig von weiblichen Teilnehmenden ausgewählt und lösten oft Aufwärtsvergleiche aus. Die Autor*innen berichten: „Upward comparison mostly triggered negative emotions“.5
Von der einzelnen Irritation zur Abwärtsspirale
Ein einzelner Vergleich muss nicht problematisch sein. Belastend wird es, wenn bestimmte Inhalte wiederholt negative Selbstbewertungen auslösen. Dann kann ein Kreislauf entstehen: Man sieht ein idealisiertes Bild, vergleicht sich, fühlt sich unattraktiver oder weniger erfolgreich, sucht nach Wegen, „mitzuhalten“, scheitert an unrealistischen Standards und kehrt trotzdem zur Plattform zurück — oft, um sich abzulenken oder Bestätigung zu suchen.
Der HBI-Blogartikel zu sozialen Vergleichen auf Instagram beschreibt genau diese Dynamik als emotionale Abwärtsspirale: Wiederholte Rezeption idealisierter Bildinhalte kann negative Vergleiche auslösen, die Selbstunsicherheit, verzerrte Selbstwahrnehmung, Frust, Rückzug und erneute Plattformnutzung verstärken.6 Dabei verweist der Artikel auch auf die geleakten Facebook/Meta-Forschungsergebnisse zu „Teen Girls’ Body Image and Social Comparison on Instagram“.6
Eine Studie von Lup, Trub und Rosenthal passt gut dazu. Sie untersuchten 117 junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren und fanden, dass häufigere Instagram-Nutzung vor allem dann negativ mit sozialem Vergleich und depressiven Symptomen zusammenhing, wenn Nutzer*innen vielen Fremden folgten.7 Die Autor*innen schreiben, häufigere Instagram-Nutzung habe negative Zusammenhänge „for people who follow more strangers“, aber positivere Zusammenhänge für Personen, die weniger Fremden folgen.7
Damit wird deutlich: Nicht allein die Nutzungsdauer entscheidet. Entscheidend ist auch, wem man folgt, welche Inhalte man sieht, in welcher Stimmung man scrollt und wie stark man generell zu sozialen Vergleichen neigt.
Warum nicht alle gleich betroffen sind
Die Forschung warnt vor einfachen Aussagen wie „Instagram macht krank“. Die Zusammenhänge sind komplex. Manche Menschen nutzen soziale Medien, um Freundschaften zu pflegen, Unterstützung zu finden, Kreativität auszuleben oder Zugehörigkeit zu erleben. Andere erleben dieselben Plattformen als Stressraum. Besonders vulnerabel scheinen Jugendliche und junge Erwachsene zu sein, die bereits ein niedriges Selbstwertgefühl, ein negatives Körperbild oder eine hohe Vergleichsneigung mitbringen.
Auch die Forschungslage selbst hat Grenzen. Schønning et al. zeigen in ihrem Scoping Review zu Social Media, mentaler Gesundheit und Wohlbefinden bei Jugendlichen, dass viele Studien negative Aspekte oder Pathologien fokussieren.8 Gleichzeitig betonen sie, dass viele Studien querschnittlich angelegt sind und deshalb keine klare Aussage über Ursache und Wirkung erlauben. In ihren Worten: „few separated between different forms of (inter)actions“ — nur wenige Studien unterscheiden also präzise zwischen verschiedenen Nutzungsformen.8
Das ist für die öffentliche Debatte zentral. Wer nur fragt, „Wie viel Zeit verbringen Jugendliche auf Instagram?“, übersieht wichtige Unterschiede: Scrollen oder aktiv posten? Freund*innen oder Fremden folgen? Fitness-Content, Body-Positive-Content oder Beauty-Filter? Nutzung aus Langeweile, Inspiration, Einsamkeit oder Stress? All diese Faktoren können den Effekt verändern.
Was Meta/Facebook intern herausfand
Besondere Aufmerksamkeit erhielten die sogenannten Facebook Files, also geleakte interne Unterlagen, über die 2021 unter anderem das Wall Street Journal berichtete. Der HBI-Artikel fasst daraus besonders die Teilstudie „Teen Girls’ Body Image and Social Comparison on Instagram“ zusammen.6 In drei Teilprojekten — Fokusgruppen, Tagebuchstudie und Tiefeninterviews — berichteten 13- bis 21-jährige Instagram-Nutzerinnen mit niedrigem Selbstwert und schlechtem Körperbild von ihren Erfahrungen.6
Laut HBI-Artikel gaben 66 Prozent der befragten Mädchen an, sich auf Instagram negativ mit anderen zu vergleichen; mehr als die Hälfte derjenigen, die solche Vergleiche berichteten, nannten Schönheit als Auslöser. Ein Drittel der Mädchen stimmte der Aussage zu, Instagram verstärke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper.6 Diese Zahlen sind nicht als repräsentativer Befund für alle Jugendlichen zu lesen, sondern beziehen sich auf den Kontext der internen Studien und vulnerablen Gruppen. Gerade deshalb sind sie aber aufschlussreich: Sie zeigen, wie konkret Jugendliche selbst die Verbindung zwischen Plattformdesign, Inhalten und Selbstwahrnehmung beschreiben.
Was helfen kann: nicht nur weniger, sondern bewusster
Die naheliegende Lösung lautet oft: weniger Social Media. Das kann helfen, greift aber zu kurz. Forschung und medienpädagogische Perspektiven legen nahe, dass es stärker um bewusste Nutzung gehen sollte. Glaser et al. kommen in ihrer Tagebuchstudie zu dem Schluss, dass Interventionen nicht nur auf Begrenzung der Nutzung zielen sollten, sondern auf eine bewusstere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Inhaltstypen und Nutzer*innen.5
Praktisch bedeutet das: Nutzer*innen können beobachten, welche Accounts nach dem Scrollen schlechtere Gefühle auslösen, welche Inhalte Vergleiche triggern und welche Nutzungssituationen besonders riskant sind. Wer ohnehin erschöpft, einsam oder unzufrieden ist, reagiert womöglich stärker auf idealisierte Inhalte. Auch das Entfolgen bestimmter Accounts, das Ausblenden von Beauty- oder Fitness-Content, Pausen, Gespräche mit Freund*innen und ein stärkerer Fokus auf reale soziale Kontakte können entlasten.
Gleichzeitig darf Verantwortung nicht allein individualisiert werden. Wenn Plattformen durch algorithmische Empfehlungen, sichtbare Likes, Filterlogiken und kommerzielle Influencer-Kulturen Vergleiche verstärken, braucht es auch strukturelle Antworten: transparentere Empfehlungssysteme, bessere Kontrollmöglichkeiten für Nutzer*innen, Schutzmechanismen für Minderjährige, medienpädagogische Angebote und klare Regeln für Werbung, Bildbearbeitung und gesundheitsbezogene Inhalte.
Fazit: Instagram ist kein Auslöser allein, aber ein Verstärker
Soziale Vergleiche gehören zum Menschsein. Instagram hat sie nicht erfunden. Aber die Plattform kann sie verdichten, beschleunigen und emotional aufladen. Besonders problematisch wird es, wenn idealisierte, bearbeitete und kommerziell motivierte Inhalte auf junge Menschen treffen, die bereits unsicher mit ihrem Körper oder Selbstwert sind.
Die Forschung zeigt deshalb kein simples Ursache-Wirkungs-Schema, sondern ein Zusammenspiel: Plattformdesign, Bildkultur, Algorithmen, Influencer-Ökonomie, individuelle Stimmung, Selbstwert und Vergleichsneigung greifen ineinander. Genau darin liegt die Herausforderung — und auch die Chance. Wer soziale Vergleiche versteht, kann Instagram bewusster nutzen. Wer Plattformen reguliert und gestaltet, kann Bedingungen schaffen, unter denen Inspiration weniger schnell in Selbstabwertung kippt.
Fußnoten und Quellen
- Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7, 117–140. DOI: 10.1177/001872675400700202. Zur Quelle ↩
- Verduyn, P., Gugushvili, N., Massar, K., Täht, K., & Kross, E. (2020). Social comparison on social networking sites. Current Opinion in Psychology, 36, 32–37. DOI: 10.1016/j.copsyc.2020.04.002. Zur Quelle ↩
- Pedalino, F., & Camerini, A.-L. (2022). Instagram Use and Body Dissatisfaction: The Mediating Role of Upward Social Comparison with Peers and Influencers among Young Females. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(3), 1543. Zur Quelle ↩
- Kleemans, M., Daalmans, S., Carbaat, I., & Anschütz, D. (2018). Picture Perfect: The Direct Effect of Manipulated Instagram Photos on Body Image in Adolescent Girls. Media Psychology. Zur Quelle ↩
- Glaser, H. C., Jansma, S. R., & Scholten, H. (2024). A diary study investigating the differential impacts of Instagram content on youths’ body image. Humanities and Social Sciences Communications, 11. Zur Quelle ↩
- Thiel, K. (2024). Von Aufwärtsvergleichen und Abwärtsspiralen: Soziale Vergleiche auf Instagram. Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut. Zur Quelle ↩
- Lup, K., Trub, L., & Rosenthal, L. (2015). Instagram #Instasad?: Exploring Associations Among Instagram Use, Depressive Symptoms, Negative Social Comparison, and Strangers Followed. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 18(5), 247–252. DOI: 10.1089/cyber.2014.0560. Zur Quelle ↩
- Schønning, V., Hjetland, G. J., Aarø, L. E., & Skogen, J. C. (2020). Social Media Use and Mental Health and Well-Being Among Adolescents – A Scoping Review. Frontiers in Psychology, 11, 1949. DOI: 10.3389/fpsyg.2020.01949. Zur Quelle ↩




